Woran arbeitet eigentlich ... UWIT?

Januar 2022

Film "Das Projekt UWIT" | Länge 2"19' | Realisation Ute Seitz // Philipp Offermann | HSFK 2022

An den Instituten und Zentren für islamische Theologie finden wir sehr viel Expertise, die in der Radikalisierungsforschung bisher noch kaum zu Wort kam“, sagt Prof. Dr. Margit Stein. Ihr Projekt UWIT – Ursachen und Wirkungen aus Sicht islamischer Theolog:innen möchte das nun ändern. Im Interview schildert sie Erkenntnisse zu den präventiven Einflüssen des islamischen Religionsunterrichts auf Jugendliche und erläutert erste Hypothesen darüber, wie es gelingen kann, diesen Effekt durch die Ausbildung der Lehrkräfte noch zu verstärken.

Worum geht es bei UWIT?

Im Projekt UWIT nehmen wir den islamischen Religionsunterricht in den Blick. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Österreich wurde dieser in Deutschland relativ neu eingeführt.  Der staatlich verantwortete Religionsunterricht für muslimische Schüler:innen ist gesellschaftspolitisch mit der Erwartung aufgeladen, gegen islamistische Tendenzen zu immunisieren und präventiv zu wirken. Im UWIT-Projekt befragen wir Dozierende und angehende Lehrkräfte aus Zentren und Instituten für islamische Theologie. Uns interessiert, wie und in welcher Weise Studierende darauf vorbereitet werden, mit Schüler:innen im Rahmen des Islamischen Religionsunterrichts zusammenzuarbeiten, die solches Gedankengut mitbringen oder aber noch wenig über den Islam wissen. 

Damit schließen wir eine bisherige Forschungslücke: An den Instituten und Zentren für islamische Theologie finden wir sehr viel Expertise, die in der Radikalisierungsforschung bisher noch kaum zu Wort kam. Gerade das Wissen zur Vermittlung des Islams und der Prävention von islamistischen Tendenzen kann für sowohl für die Wissenschaft als auch die Praxis sehr nützlich sein.

Gibt es denn Unterrichtseinheiten oder Module, die Islamisierungs- oder Radikalisierungsprävention direkt thematisieren? 

Wie diese Thematiken in den Modulen für Studierende aufgegriffen werden, kann ganz unterschiedlich sein. An manchen Standorten gibt es dezidierte Seminare, die beispielsweise „Islamismus als aktuelle Herausforderung des Islam-Unterrichts“ heißen. Oder es finden sich Themeneinheiten zum Bereich islamistische Radikalisierung in Modulen wie „Islam und Gesellschaft“. Mit den Dozierenden sind wir direkt im Gespräch. An anderen Standorten gibt es hingegen kein Modul, das unmittelbar auf das Thema zugeschnitten ist. Dafür finden wir dort verschiedene Lehreinheiten, die Reflexionsfähigkeit schulen. Da wird dann beispielsweise darüber nachgedacht, was der Islam ist, was er vermittelt und wie er sich in der Gesellschaft positioniert. Allein das beinhaltet viel, was islamistische Ansichten vorbeugen könnte.

Ein ähnliches Ergebnis zeigen auch die 20 Interviews, die wir deutschlandweit mit Dozierenden geführt haben. Darin wurde mehrfach erklärt, dass sich die Vermittlung von Prävention nicht nur in dezidierten Modulen vollzieht, sondern eine Querschnittsaufgabe ist. Auch ein Modul, das exegetisch den Koran betrachtet oder Arabistik lehrt, vermittelt reflektierende Kenntnisse über den Islam, die präventiv wirken können.

Die Dozierenden wurden zu ihrer Sicht auf die Ursachen islamistischer Radikalisierung befragt, aber auch dazu, was Schulen, Familien, Jugendeinrichtungen und Medien zur Prävention beitragen können. Hier wurde immer wieder betont, dass der Islamische Religionsunterricht alleine die Mammutaufgabe der Radikalisierungsprävention nicht leisten kann, sondern, dass die Schule insgesamt persönliche und fachliche Kompetenzen fördern muss, die einer Radikalisierung vorbeugen. Die Schüler:innen hierzu zu befähigen, ist Aufgabe aller Fächer und der Schule als Ganzes. Reflexionskompetenzen und Selbstverantwortung sollen insgesamt gelernt und gelebt werden.

Wie könnte diese präventive Wissensvermittlung konkret im Schulunterricht aufgegriffen werden? Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Im Interview hat uns eine Dozentin und Religionslehrerin geschildert, dass Schüler:innen im Unterricht kleine, aber doch konkrete Fragen beschäftigen. Beispielsweise erkundigen sie sich danach, ob es islamkonform ist, wenn sie Gummibärchen essen, weil diese Schweinegelatine enthalten könnten. Oder sie fragen nach Handlungsanleitungen, um Vergehen gegen religiöse Regeln zu vermeiden. Allein die Vermittlung von mehreren Islamschulen, die unterschiedliche Standpunkte zu diesen Fragen vertreten, kann hier präventiv wirken. Die Schüler:innen lernen, dass es die eine wahre und islamkonforme Antwort nicht gibt. Diese Reflexionsfähigkeit kann letztlich helfen, eine Haltung herauszubilden, die das Narrativ einer einzig wahren Auslegung des Islams hinterfragt. 

In Ihrem Projekt arbeiten Sie methodisch mit einer Dokumentenanalyse und führen parallel dazu auch qualitative Interviews durch. Hat das letzte Pandemiejahr dabei für Sie zu besonderen Herausforderungen geführt?

Die Suche nach Interviewpartner:innen ist ohnehin relativ schwierig. Neben ihrem Zeitmangel sind viele Dozierende sehr bescheiden und verweisen häufig auf Kolleg:innen, die schon vorher zu bestimmten Themen geforscht haben. Die Pandemiezeit erschwert unsere Suche nach Interviewpartner:innen zusätzlich. Besonders bei der Studierendenbefragung stehen wir vor Herausforderungen, weil wir nicht in Seminare gehen können, um uns und unsere Ideen dort direkt in Präsenz vorzustellen. Aus Datenschutzgründen ist es oft nicht möglich, uns digital zuzuschalten und natürlich können uns die Zentren und Institute keine Adressen von Studierenden weitergeben. So sind wir auf E-Mails angewiesen, die indirekt weitergeleitet und häufig abgewiesen werden, weil die Studierenden glauben, sie müssten bereits Expert:innen sein, um befragt werden zu können. Dabei ist das gar nicht der Fall, weil wir beispielsweise eine Person aus dem ersten Semester suchen, die über ihre Erfahrungen mit einem Modul berichtet.

Das ist bestimmt problematisch. Immerhin wollen Sie auch einen Wandel von Normen und Werten erforschen.

Ja. Wobei wir weniger Werte und Normen in einem Sinn erfassen, der erfragt, welche Haltung Dozierende oder Studierende im Bereich Islamismus haben. Uns geht es nicht darum, einen „Gesinnungscheck“ durchzuführen und zu überprüfen, ob Studierende selbst radikale Tendenzen aufweisen. Stattdessen wollen wir die Meinungen der Studierenden und Dozierenden selbst hören und Aspekte der Wissensvermittlung erforschen.

Wir sind durch das Projekt auch mit Kolleg:innen und Studierenden an Zentren und Instituten für Islamische Theologie ins Gespräch gekommen, was die Idee von gemeinsamen Workshops angestoßen hat. Dort wird jetzt noch einmal intern diskutiert, wie man Wissen über Islamophobie und Radikalisierung am besten im Studium vermittelt.

Ist es denn Ziel Ihres Projekts, langfristig die Ausbildung von islamischen Lehrkräften zu beeinflussen?

Unser Ziel ist es, mit den Expert:inneninterviews zum einen die Grundlagenforschung zu bereichern und mehr Antworten zu den Ursachen und Auswirkungen islamistischer Radikalisierung zu liefern.  Zum anderen erforschen wir im Sinne der Praxisforschung in einem „Best Practice“-Ansatz, was Studierenden in spezifischen Modulen, aber auch übergreifend vermittelt wird, um später präventiv gegen Radikalisierung arbeiten zu können. Durch eine Handreichung möchten wir auch praktische Hilfestellung dazu geben, wie Lehrkräfte im Schulkontext islamistische Radikalisierung erkennen und darauf reagieren können.