Woran arbeitet eigentlich... RaMi?

November 2021

Film "Das Projekt RaMi" | Länge 2"18' | Realisation Ute Seitz // Philipp Offermann | HSFK 2021


Das RaMi-Projekt - vom Rand in die Mitte - beschäftigt sich mit den rechtspopulistischen Deutungen des Islams als radikale Religion und betrachtet, inwiefern gerade rechtspopulistische und rechtsradikale Strömungen unser gesellschaftliches Bild des Islams prägen. Im Interview mit RADIS berichten Prof. Dr. Sabrina Zajak, Dr. Mirjam Weiberg-Salzmann und PD Dr. Liriam Sponholz von den Entstehungshintergründen und Auswirkungen rechtspopulistischer Diskurse und erklären, warum gerade Medien eine entscheidende Rolle dabei spielen. Mehr lesen ...

Was erforscht das RaMi-Projekt und womit beschäftigen Sie sich gerade?

 Sabrina Zajak: Unser Projekt RaMi - vom Rand in die Mitte - beschäftigt sich mit den rechtspopulistischen Deutungen des Islams. Konkret gehen wir der Frage nach, inwiefern die Diskurse der Far-Right Bewegung zu einer Diffusion eines bestimmten Bildes des Islams beitragen und diese Deutung quasi vom Rand in die Mitte gelangt.

Mirjam Weiberg-Salzmann: Wir schauen uns beispielsweise an, inwiefern Deutungen, die von populistischen Akteuren gesetzt werden, von etablierten Parteien übernommen werden. Nur so können wir herausfinden, wie sich der Diskurs in der Zivilgesellschaft verbreitet und wie das in die Demokratie an sich zurückwirkt.

Liriam Sponholz: Konkret beobachten wir also, ob die rechtspopulistischen Akteur:innen Agenda-Setter oder Agenda-Surfer sind. Das heißt wir hinterfragen, ob sie das Thema auf die Agenda setzen oder das Thema in eigenen Diskursen nutzen.

Welche Auswirkungen auf die Demokratie lassen sich dabei beobachten?

 Mirjam Weiberg-Salzmann: Es gibt ja ein bestimmtes Spektrum an zugelassenen Argumenten und Deutungsmustern, in denen wir unsere Diskurse in liberalen Demokratien führen. Dabei stellen wir fest, dass populistische Akteur:innen diese Diskurse unterlaufen und mit ihrer illiberalen Argumentation stark in den Mainstream zurückwirken. Wenn es dadurch zum Beispiel zu einer Institutionalisierung und Normalisierung von Intoleranz kommt, kann sich das auch negativ auf unsere gesamte Demokratie auswirken.

Politisch gesehen können sich populistische Diskurse auch in Gesetzgebungsprozessen niederschlagen, zum Beispiel in Staatsbürgerschaftsfragen oder dem besonderen Augenmerk, den der Verfassungsschutz dann auf spezifische Gruppen richtet und diese in einen negativen Deutungsrahmen setzt. Das ist besonders deshalb problematisch, weil es stark den demokratischen Grundsätzen widerspricht, die davon ausgehen, dass alle Bürger:innen gleich sind und frei und eben nicht jede:r Muslim:in unter dem Generalverdacht des radikalen Islam gestellt werden sollte. 

Wie lässt sich denn konkret herausfinden, ob die Aussagen von Rechtspopulist:innen zu einer Normalisierung von Stereotypen gegenüber dem Islam führen?

Sabrina Zajak: Um das herauszufinden, beschäftigen wir uns mit den historischen Ausgangsbedingungen der rechtspopulistischen Deutungen und widmen uns den Vorgeschichten des neuen Orientalismus und der Frage, wie dieser aufgegriffen wurde. Wir untersuchen dabei Narrative um den Islam, aber auch um Muslim:innen als die ‚Anderen‘, die das europäische Modell der Moderne bedrohen und damit zu einer europäischen Identitätskonstruktion beitragen. Darauf aufbauend wollen wir analysieren, welche Narrative durch Rechtspopulist:innen aufgegriffen und nach 9/11 bis in die Gegenwart hinein transportiert und verbreitet wurden. Dazu nutzen wir eine massenmediale Diskurs-Netzwerk-Analyse.

Liriam Sponholz: Außerdem werten wir Medienberichte von Qualitätsmedien aus und achten darauf, anhand welcher Schlüsselereignisse Muslim:innen in der Medienberichterstattung thematisiert werden. Wir vergleichen, wie sich Rechtspopulist:innen in Qualitätsmedien und in den sozialen Medien äußern, um zu erfassen, wie die Medienlogik diese Instrumentalisierung beeinflusst.

 Konnten Sie dazu schon erste Hypothesen aufstellen?

Sabrina Zajak: Man könnte sagen, dass es zwei miteinander konkurrierende Annahmen darüber gibt, wie rechtspopulistische Deutungen des Islams zustande kommen. Einerseits – und das beobachten wir momentan häufig in den Debatten über den radikalen Islam – könnte es sein, dass bestimmte Akteur:innen ihre Deutungen vom Islam vom Rand in die Mitte verschieben. Die Gegenhypothese besagt, dass die Narrative und rechtspopulistischen Deutungen über den Islam schon immer in der der Mitte der Gesellschaft verankert waren und erst in den letzten 20 Jahren durch gesellschaftliche Auseinandersetzungen sichtbar gemacht und an den Rand getragen werden.

Die Vermutung dabei ist, dass es schon länger ein unterschwelliges Bild des Islams gibt, das stark von islamophoben oder antimuslimischen Tendenzen geprägt ist. Wenn in den letzten 20 Jahren in der Mitte der Gesellschaft über den Islam gesprochen wurde, dann meistens in einem antimuslimischen und rassistischen Kontext. Diese Art der Thematisierung führte zu einer Polarisierung der Gesellschaft und mobilisierte dadurch auch den Rand. Grundsätzlich geht es bei diesen Mobilisierungen auch immer stärker darum, die Deutungshoheit darüber zu gewinnen, was der Islam überhaupt ist.

In ihrer Forschung stellen Sie einen Vergleich dieser Diskurse in verschiedenen Ländern an. Worum geht es Ihnen dabei genau?

Sabrina Zajak: Im RaMi-Projekt stellen wir einen europäischen Vergleich mit verschiedenen Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien an und betrachten die qualitativen Aspekte – also die Kontextbedingungen der Medienlogiken, aber auch deren Wirkungen und Folgen. Anhand dessen fragen wir uns, was diese Diskurse zum Beispiel für politische Entscheidungsträger:innen in der Praxis in den verschiedenen Ländern bedeuten.

Vielleicht können Sie das an noch einmal konkreter am Beispiel Frankreichs erläutern. Dort gab es einige große Gewaltereignisse. Nun spielt das Land in Ihrer Betrachtung auch eine zentrale Rolle.

Liriam Sponholz: In Frankreich kann man sehr gut beobachten, welche Schlüsselereignisse dazu geführt haben, dass Muslim:innen in den Schlagzeilen gelandet sind. Das war beispielsweise nach Terroranschlägen, wie auf das Bataclan, dem Anschlag vom 11. September oder auch nach dem Fall von Charlie Hebdo.

Sabrina Zajak: In unserem Forschungsprojekt schauen wir uns die sogenannten medialen Aufmerksamkeitsschübe zu diesen Events an, werten aber auch stillere Perioden aus. Letztlich versuchen wir festzustellen, wie die Debatte aussieht und welche Auswirkungen sie hat, wenn sie ihren medialen Höhepunkt erreicht hat und wenn sie wieder abflaut. In Frankreich sieht man das beispielsweise ganz gut an der Debatte um den „Islamo-Leftism“. Dabei wird progressiven Akteur:innen, die Themen wie antimuslimischen Rassismus und Islamophobie diskutieren, vorgeworfen, sie legitimieren damit den radikalen Islam.