Eckdaten

Leitung: 

  • Prof. Dr. Susanne Pickel, Institut für Politikwissenschaft, Universität Duisburg-Essen

Laufzeit: 12/2020 - 08/2024

Teilprojekte

 TP 1: Prof. Dr. Susanne Pickel, Institut für Politikwissenschaft, Universität Duisburg-Essen
 TP 2: Prof. Dr. Michael Kiefer, Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück 
 TP 3: Prof. Dr. Riem Spielhaus, Georg-Eckert-Institut, Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung
 TP 4: Prof. Dr. Gert Pickel, Abteilung für Religions- und Kirchensoziologie, Universität Leipzig

Praxispartner

  • Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus und Demokratieforschung (KReDO), Universität Leipzig (Website)
  • Center for the Study of Religions (CSR), Universität Leipzig (Website)
  • Forschungsinstitut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt (FGZ), Universität Leipzig (Website)
  • Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung e.V. (RISP), Universität Duisburg (Website)
  • Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFza) (Website)
  • Bildungseinrichtung Bocholt – Politische Bildung für Bundesfreiwilligendienste (Website)
  • Kommunales Integrationszentrum Duisburg (KI) (Website)
  • Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur (ZEOK), Leipzig (Website)
  • Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchanalyse (GEI), Braunschweig (Website)
  • Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI), Duisburg (Website)

Aktuelle Publikationen

  • Öztürk, Cemal 2021: Muslim*innen in kommunalpolitischen Spitzenpositionen? Über die Prävalenz gegen muslimische Bürgermeisterkandidat*innen gerichtete Einstellungen in Deutschland und ihre sozial-psychologischen Triebfaktoren, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik (online first), DOI: 10.1007/s41682-021-00063-3. [Download]

Radikaler Islam versus radikaler Anti-Islam (RIRA)

Gesellschaftliche Polarisierung und wahrgenommene Bedrohungen als Triebfaktoren von Radikalisierungs- und Co-Radikalisierungsprozessen bei Jugendlichen und Post-Adoleszenten

In den letzten Jahren lässt sich in Deutschland eine Polarisierung in der Gesellschaft feststellen, die mit wechselseitigen Abstoßungsprozessen verschiedener sozialer Gruppen verknüpft ist. Bedrohungswahrnehmungen zwischen Sozialgruppen gehen mit gruppenbezogenen Vorurteilen einher. Eine besondere Bedeutung kommt in diesen Prozessen der (wahrgenommenen) Bedrohung durch den radikalen Islam zu. Diese schafft in der deutschen Gesellschaft die Gelegenheitsstruktur für eine reziproke Spirale potenzieller Radikalisierung, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. So zieht sich ein Teil junger Muslim:innen aufgrund einer empfundenen Ablehnung in Sicherheit verheißende (oft konservativ-religiöse) Kollektive zurück, die ein Einfallstor für Radikalisierung darstellen können. Im Gegenzug findet in Teilen der nichtmuslimischen Bevölkerung eine durch Ängste beförderte Radikalisierung in Richtung Rechtsextremismus statt, die wiederum eine Radikalisierung im linken politischen Spektrum befördert. Entsprechend nimmt sich das Verbundprojekt vor, Wirkungen gegenseitiger Bedrohungswahrnehmungen von Muslim:innen und Nichtmuslim:innen auf die bundesdeutsche politische Kultur, Polarisierungs- und damit verbundene Radikalisierungsprozesse anhand einer Radikalisierungsspirale empirisch fundiert, transdisziplinär und multimethodisch zu untersuchen.

Die Beantwortung des Forschungsinteresses erfolgt

  1. anhand der Rekonstruktion der gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber dem Islam und ihrer Beziehungen zu Vorurteilen, Polarisierung, Bedrohungswahrnehmungen sowie Demokratievorstellungen und Religiosität;
  2. durch eine Untersuchung der unter diesen Bedingungen stattfindenden Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen muslimischer und nicht-muslimischer bzw. keiner Religionsangehörigkeit, inklusive
  3. der multimethodischen empirischen Untersuchung von Radikalisierungsgründen und -verläufen. Mithilfe einer Kombination aus Selbst- und Fremddeutungen, kollektiven Wahrnehmungsmustern sowie sozialen Dispositiven während der (Post-)Adoleszenz (eine Lebensphase der emotionalen Verunsicherung) werden
  4. in kognitiver und motivationaler Hinsicht ziel- wie ursachenadäquate Maßnahmen zur Radikalisierungsprävention entwickelt.

Aus den Forschungsergebnissen sind konkrete Hinweise auf kollektive Ansatzpunkte für Interventionsmöglichkeiten und Radikalisierungsprävention zu erwarten: zum einen mit Blick auf Interventionsmöglichkeiten an Schulen und Bildungseinrichtungen, z.B. in Form von Unterrichtsmaterialien oder Fortbildungsformaten, zum anderen hinsichtlich von Empfehlungen des Umgangs mit auch medial vermittelten Positionen im Sinne einer Prägung der politischen Kultur und der kollektiven Wahrnehmung. Diesem Zweck dienen Filmprojekte, auf Medien zugeschnittenes Informationsmaterial, aber auch Zusammenstellungen empirischer Grundlagenforschung zu Vorurteilen.

(Co-)Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat einschneidende Effekte auf die politische Unterstützung der Demokratie in Deutschland. Im Zuge der (Co-) Radikalisierungsprozesse kommt es zu einer Ausbildung einer anti-demokratischen politischen Kultur. Die Entwicklungen der (Co-)Radikalisierung in Bezug auf die politischen Einstellungen laufen phasenweise parallel und mit Bezug auf die jeweilige (politische) Gemeinschaft. Sie münden in eine Ablehnung der bestehenden Demokratie in Deutschland und dem Wunsch nach einem politischen System, das die eigenen, nicht-demokratischen politischen Normen und Werte unterstützt. Das Teilprojekt arbeitet an verschiedenen Bereichen der Radikalisierungsspirale: An der öffentlichen Wahrnehmung von Bedrohung, Vorurteilen und gesellschaftlichem Rückzug, der Bedeutung (kollektiver) politisch-kultureller Prozesse für Radikalisierung, an den Beziehungen zwischen Diskriminierungserfahrung und (Co-)Radikalisierung unter (nicht-)muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen und der islamischen Radikalisierung.

Im Teilprojekt stellt das RISP die Verbindung zwischen der universitären Forschung und der Präventionspraxis in der Rhein-Ruhr-Region her, indem es die wissenschaftliche Forschung mit verschiedenen Praxispartnern vernetzt. Der Aufbau eines Wissenschafts-Praxis-Tandem Teams in der Rhein-Ruhr-Region dient a) der bedarfsorientierten und passgenauen Gewinnung weiterer Praxispartner*innen, b) dem frühzeitigen und parallel zur wissenschaftlichen Forschung verlaufenden Einbezug der Praxispartner*innen in die Entwicklung, Erprobung und Implementation von fächerübergreifenden, außerunterrichtlichen Maßnahmen für Kollegien der schulischen und beruflichen Bildung.

Das Teilprojekt trägt zur Beantwortung der übergeordneten Frage des Gesamtprojektes „Welche kollektiven Interventionsansätze können bei der Radikalisierung und Co-Radikalisierung Jugendlicher und post-adoleszenter Muslim:innen und Nicht-Muslim:innen identifiziert werden?“ PT Ceylan stellt sich als Projektteam speziell die Unterfrage „Warum radikalisieren sich junge Muslim:innen – und welche Rolle spielen dabei soziale, religiöse und theologische Umfeldfaktoren?“ Das PT Ceylan wird im Konsortium RIRA den Fokus auf die übergeordnete Frage der Radikalisierung von ausschließlich muslimischen Jugendlichen richten, die als Minorität mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert sind: Migrationshintergrund und Muslim. Es wird anhand biografischer Interviews versucht, Radikalisierungsprozesse zu rekonstruieren. Die forschungsleitenden Unterfragen greifen auf familiäre, gesellschaftliche und milieuspezifische Einflüsse zurück: a) Welche Rolle spielt die Sozialisation in den Familien - vor allem im Kontext der religiösen Erziehung und Bildung – und in den Moscheegemeinden für Radikalisierungsprozesse? b) U.a. wird gefragt, inwieweit der Islamdiskurs zu Radikalisierungsprozessen beiträgt und Ausgrenzungserfahrungen oder Protestverhalten im Zuge von radikal-islamischen Ideologien bedeutsam ist. c) Schließlich richten sich die biografischen Interviews auf die milieuspezifischen Bedingungen: Welche theologischen Konzepte (z.B. Hizb-ut Tahrir Bewegungen oder neo-salafistische Strömungen) und geistige Väter (wie z.B. Sayyid Qutb) sind für ein radikales Verständnis des Islam mitverantwortlich? Als Mehrwert für diese qualitative Erhebung soll auch die Frage von „Konversion, Radikalisierung und Prävention“ beleuchtet werden, da in der Gruppe der Konvertit:innen in besonderer Weise Radikalisierungspotentiale wahrgenommen werden.

Rauf Ceylan arbeitet migrations- und religionssoziologisch. Seine Schwerpunkte liegen in der Erforschung von neo-salafistischen Strömungen und Radikalisierungsprozessen, des islamischen Religionsunterrichts und der religiösen Orientierungen von muslimischen Religionslehrer:innen sowie der Moscheegemeinden und der Rolle von Imamen. Im RIRA Konsortium untersucht er in Kooperation mit den PTs Decker, G. Pickel, Lütze, Uslucan sowie WPT Krumpholz Schüler:innen, Jugendliche und junge Erwachsene mithilfe von biographischen Interviews sowie Religionslehrer:innen und angehende Religionslehrer:innen mit Blick auf Radikalisierung hemmende Einstellungen und Unterrichtskonzeptionen (in Kooperation mit PT G. Pickel, Spielhaus).

Das Teilprojekt analysiert Materialien für islambezogene Unterrichtseinheiten im Gesichts-, Geographie- sowie Politik/Sozialkundeunterricht (Lehrpläne, Schulbücher, ergänzendes (online-)Material) systematisch mit einem Fokus auf religiöse, kulturelle bzw. kulturalisierende wie politische Implikationen bzw. Leerstellen. Der Fokus liegt hierbei auf der Sekundarstufe I und II für die Fächer Geschichte, Geographie sowie Politik/Sozialkunde. Daran schließt die Identifikation von Ansatzpunkten präventiver Interventionen durch den Fachunterricht sowie Bildungsmaterialien im Rahmen der Datenauswertung an. Dazu sollen hier relevante Lernpfade und Lernorte und ihr jeweiliger Einfluss auf das Islambild herausgearbeitet werden. Neben der Analyse von Befragungsergebnissen und der systematischen Bestandsaufnahme von Bildungsmedien kommen experimentelle Ansätze für die Testung von Unterrichtsmaterialien sowie die folgenden Arbeitspakete zur Anwendung. Ausgewählte Schulbuchinhalte sowie die im Projekt entwickelten exemplarischen Unterrichtsmaterialien werden dabei in Experimenten in Zusammenarbeit mit anderen Teilprojekten im Verbund getestet. Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung pädagogischer Konzepte und Unterrichtsmaterialien ein, die im Projektverlauf getestet und anschließend auf der vom GEI betriebenen Webplattform www.zwischentoene.info veröffentlicht werden sollen.

Das Leipziger Teilprojekt von RIRA widmet sich einer Verzahnung verschiedener empirischer Tiefenanalysen von Radikalisierung und Co-Radikalisierung. Diese sind verstärkt, allerdings nicht ausschließlich, auf Co-Radikalisierung im Alltagsleben ausgerichtet. Damit kommen Vorurteilsstrukturen, Rassismus und Abwertungserfahrungen in den Blick. Sekundäranalysen, Experimentelle Erhebungsdesigns, Gruppendiskussionen, Expert:inneninterviews, sowie die Beteiligung an der RIRA-Bevölkerungsbefragung sollen hierbei tragfähige Ergebnisse liefern. Die erzielten Ergebnisse werden in pädagogische Maßnahmenkonzepte, aber auch Empfehlungen für andere Bildungsinstitutionen (Fortbildung, Hochschulen, usw.) sind angedacht. Eingebracht wird sozialpsychologische, religionssoziologische und religionspädagogische Kompetenz.

Anschließend an die langjährigen Forschungen der Leipziger Autoritarismus Studien werden die gesellschaftlichen Umstände von Radikalisierung genauso beleuchtet wie ihre sozialpsychologischen Begründungen. Vor allem wahrgenommene Bedrohungen der persönlichen Handlungsfähigkeit und der Kontrolle der Umwelt werden als wichtig für die Veränderung sozialen Denkens und Handelns angenommen. Unter der Annahme, dass die Wahrnehmung des Islam im Ethik- und Religionsunterricht einen signifikanten Einfluss auf das Islambild Heranwachsender hat, werden Präventionsmöglichkeiten für den Schulunterricht erarbeitet. Dabei wird auf alle Schulformen gezielt, allerdings besonders der Religionsunterricht angesteuert. Das Leipziger Teilprojekt berücksichtigt dabei in besonderem Maß die spezifische gesellschaftliche und politische Lage in Ostdeutschland, sowie die daraus für Radikalisierungsprozesse ableitbaren Erfahrungen und Erkenntnisse.