Eckdaten

Leitung: 

  • Dr. Jörn Thielmann, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) / Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE)

Laufzeit: 09/2020 – 08/2024

Teilprojekte

 TP 1: Prof. Dr. habil. Dr. Patricia Wiater-Hellgardt (FAU)
 TP 2: Prof. Dr. Tarek Badawia (FAU)
 TP 3: Prof. Thomas Schmitt (Uni Heidelberg)
 TP 4: Dr. Stephanie Müssig (EZIRE)
 TP 5: Nina Nowar (EZIRE)
 TP 6: Dr. Jörn Thielmann (EZIRE)

Organigramm

Praxispartner

  • Centre for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN) (Website)
  • Zentralinstitut für Regionenforschung (Website)
  • Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Website)

Wechselwirkungen islamistischer Radikalisierung im gesellschaftlichen und politischen Kontext betrachtet (Wechselwirkungen)

Gesellschaftliche Wirkungen von Islamismus in Deutschland und Europa untersuchen

Wie nehmen Muslim:innen die durch islamistische Radikalisierung ausgelösten Veränderungen in Form von Politiken, Diskursen und Praktiken wahr? Wie reagieren sie, nach innen und nach außen? Was wird eigentlich in muslimischen Milieus diskutiert, was gelehrt, was gepredigt? Auch wenn in der Öffentlichkeit Einschätzungen zirkulieren, gibt es kaum empirisch gesicherte, wissenschaftliche Kenntnisse darüber. Das Forschungsprojekt wird diese Lücke füllen und analysiert die Wechselwirkungen zwischen Politik, Gesellschaft und muslimischen Bürger:innen in Deutschland. Es fokussiert erstmals konsequent die muslimische Perspektive auf islamistische Radikalisierung. In sechs Untersuchungsbereichen werden die gegenseitige Beeinflussung von Akteur:innen aus Politik, Gesellschaft und muslimischen Gemeinschaften behandelt, welche durch islamistische Radikalisierung ausgelöst wurden oder über politische, gesetzgeberische, polizeiliche, gerichtliche und gesellschaftliche Reaktionen auf sie entstehen.

Die im Vorhaben identifizierten Forschungslücken werden transdisziplinär und auf Basis empirischer, qualitativer wie quantitativer sozialwissenschaftlicher Forschung sowie durch texthermeneutische Verfahren und Rechtsvergleichung gefüllt. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen systematisch und methodisch in die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit transferiert werden, wodurch im Dialog neue Probleme identifiziert und Fragen generiert werden können. Diese Rückbindung an die Praxis wie an die Untersuchungsfelder wird forschungsbegleitend durchgängig durch verschiedene Formate, darunter Workshops, Briefings und moderierte Begegnungen, sichergestellt. Das empirisch begründete Verständnis der beforschten Wechselwirkungen soll es Akteuren aus Politik, Verwaltung, Sicherheit, Justiz und Zivilgesellschaft ermöglichen, zielgenaue und angemessene Maßnahmen zur Deradikalisierung und Prävention zu ergreifen, sodass die muslimischen Gemeinschaften als selbstverständliche Partner vollumfänglich beteiligt sind und damit die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der ergriffenen Maßnahmen sichern.
 

Teilprojekte

Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 wurden die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen im sog. Anti-Terror-Kampf weltweit stetig verschärft. In den Befugnissen wird die Bereitschaft von Gesetzgeber, Behörden und Gerichten deutlich, nicht nur auf konkrete terroristische Bedrohungen zu reagieren, sondern mit dem Konzept „vorsorgender Sicherheitspolitik“ eine Reduzierung terroristischer Risiken zu bewirken. Damit geht einher, dass nicht nur die Strafbarkeit terroristischer Täter:innen, sondern auch sicherheitsbehördliche Überwachungs- und Eingriffsbefugnisse sowie die Abschiebung ausländischer terroristischer Gefährder:innen zeitlich vorgelagert und sachlich ausgeweitet wird. Ein – politisch und rechtlich – in Kauf genommener „Kaskadeneffekt“ eines solchen Konzepts vorsorgender Sicherheit ist, dass sich der Personenkreis vergrößert, der von Sicherheitsmaßnahmen betroffen ist. Er erfasst auch Muslim:innen in ihren grund- und menschenrechtlichen Freiheitsrechten, die entweder gar nicht dem radikalisierten Islam zugehörig sind – oder, wie im Kontext der migrationsrechtlichen Abschiebungsanordnung, „lediglich“ mit diesem sympathisieren.

Darum analysiert das Vorhaben in einem ersten Schritt grund- und menschenrechtliche Belastungen, die durch Anti-Terrorismus-Maßnahmen auf die Adressaten und auf Dritte entstehen. Diese werden anschließend anhand verschiedener Parameter erarbeitet, um Rückschlüsse auf die Gruppe der betroffenen Dritten zu ziehen. Das besondere Augenmerk der Analyse liegt darauf, ob und inwieweit sich spezifische grund- und menschenrechtliche Überbelastungen von Muslim:innen ausfindig machen lassen, die in der Studie unter dem Begriff der „Kaskadeneffekte“ systematisiert und anhand grund- und menschenrechtlicher Standards bewertet werden.

Der Islamische Religionsunterricht (IRU) ist im Laufe der bisherigen Erprobungsphase zu einem sensiblen Aushandlungsraum geworden, in dem disparate Erwartungen und Ansprüche von Staat und muslimischer Gemeinschaft aufeinandertreffen. Es droht – so die Ausgangsthese des Projektes – eine Vertrauenskrise zwischen Staat und muslimischer Gemeinschaft, an der sich Radikalisierungspotenzial entzünden kann. Daher bearbeitet dieses Teilprojekt aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive die wichtige Frage zur präventiven oder radikalisierenden Wirkung des Islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen. Die Dynamik der aufgeführten Wechselwirkung soll anhand von drei Dimensionen der Problemwahrnehmung unter Muslim:innen konzeptionell konkretisiert empirisch erfasst werden. Die folgenden drei Dimensionen beschreiben die Akzeptanzproblematik in der muslimischen Gemeinschaft und zugleich die Möglichkeiten und Grenzen der Islamismusprävention durch die Institutionalisierung des IRU:

  1. Die Kontroverse über die (Un-) Realisierbarkeit eines IRU begünstigt unter muslimischen Communities die Entstehung von Wahrnehmungsmustern der Ungleichbehandlung ihrer Interessen und Bedürfnisse und sogar von struktureller Diskriminierung. Viele Muslim:innen erleben die noch nicht geklärte Stellung des IRU als Ablehnung ihrer Interessen.
     
  2. Die Euphorie über das neue Schulfach war stets von einer tiefen Skepsis gegenüber dem konfessionellen Charakter des IRU begleitet. Für das Teilprojekt ergeben sich wichtige Teilfragen danach, ob sich die Eltern und Verbände mit ihren Theologien in den jeweiligen IRU wiederfinden.
     
  3. Die Professionalität der Islam-Lehrkräfte erwies sich nach der bisherigen Erprobungspraxis als ein sehr dringendes Praxisproblem. Der vorübergehende rechtliche (Sonder)Status des IRU erschwert die Position der Islam-Lehrkräfte enorm. Die Fragen nach der „theologischen Kompetenz“, nach der „Lehrerlaubnis“ (iğāza) und nach der „theologischen Deutungshoheit“ kann zu schwierigen Spannungen und Infragestellung der Fachkompetenz einer Islam-Lehrkraft im schulischen Kontext führen.

Die Untersuchung der Akzeptanzproblematik des IRU anhand der o.g. drei Dimensionen soll methodisch anhand von Fallstudien in acht Bundesländern vorgenommen werden. Dadurch soll der großen Verschiedenheit der Organisation des IRU Rechnung getragen werden. Ausgewählt wurden nach aktueller Voranfrage bei den zuständigen Behörden 26 Städte.

Das Projekt erkundet in einem ersten Schritt Wechselwirkungen bzw. mögliche Co-Radikalisierungsprozesse in Stadtgesellschaften, nämlich zwischen anti-muslimischen Gruppierungen und Gruppierungen des radikalen Islam, sowie deren Auswirkungen auf weitere Bereiche der Stadtgesellschaft, insbesondere auch auf weitere muslimische Gruppierungen. Hierzu werden diese Prozesse zunächst mittels diskursanalytischer Methoden sowie mittels Einzel- und Gruppeninterviews erfasst. Dabei sollen auch Auswirkungen entsprechender Co-Radikalisierungen oder Wechselwirkungen auf unterschiedliche muslimische Milieus eruiert werden. Auf dieser Grundlage wendet sich das Projekt lokalen, regionalen und überregionalen Kommunikations-, Bearbeitungs- und Moderationsformaten zu, die z.B. als Reaktion auf entsprechende Radikalisierungsprozesse eingerichtet wurden. Diese werden – sofern möglich – u. a. mit Methoden der teilnehmenden Beobachtung begleitet. Dabei konzentriert sich das Projekt auf vier Untersuchungsstädte bzw. Stadtregionen in Dresden, Erfurt, Frankfurt a. M. sowie Mannheim/Ludwigshafen. Bewusst werden dabei gleichermaßen ost- wie westdeutsche regionale Kontexte berücksichtigt.

Der zweite Erhebungs- und Analysebereich des Projekts nimmt die Erfahrungen aus den Stadtregionen als Ausgangspunkt, um in genereller Weise die Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen einer gesellschaftlich produktiven Islamkritik aufzugreifen: einer Islamkritik, welche Problembereiche offen anspricht, aber zugleich (Co-)Radikalisierungsprozesse gerade nicht unterstützt. Die Auswertungen aus den stadtbezogenen Untersuchungen werden dabei gemeinsam mit Expert:innen unterschiedlicher Tätigkeitsfelder, z.B. der Dialogarbeit und Extremismusprävention, mit Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen, mit Muslim:innen, aber auch mit Islamkritiker:innen diskutiert und im Hinblick auf ihre Verallgemeinerungsfähigkeit und Übertragbarkeit reflektiert. In einer abschließenden empirischen Phase sollen experimentell in Planspielen Ansätze, die aus diesen Überlegungen abgeleitet wurden, getestet werden.

Das Gefühl, diskriminiert, zurückgewiesen und feindselig behandelt zu werden, hat reale Folgen. Menschen, die diese Erfahrung machen, tendieren beispielsweise zu einem niedrigen Selbstwertgefühl und zu Unzufriedenheit mit ihrem Leben. Studien attestieren darüber hinaus, dass Diskriminierungserfahrungen mit Einstellungs- und Verhaltensänderungen im Zusammenhang stehen. Wahrgenommene oder selbst erfahrene Muslimfeindlichkeit gilt als zentraler Faktor für die Radikalisierung von Muslim:innen. 

Muslim:innen fühlen sich häufiger diskriminiert als andere Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Gleichzeitig führen systemische Diskriminierungserfahrungen stärker als interpersonelle Diskriminierungserfahrungen zu einem Vertrauensentzug gegenüber gesellschaftlichen und politischen Institutionen, zu einer Unzufriedenheit mit dem politischen System oder zur Infragestellung demokratischer Normen und Werte. Deshalb ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen systemischer Diskriminierung und Radikalisierungstendenzen zu kennen und eine Vorstellung von den mikroanalytischen (sozial-)psychologischen Prozessen zu haben, die diesem Zusammenhang zugrunde liegen. Bisher fehlen jedoch Daten für Deutschland, die ein Verhältnis  zwischen systemischer gruppenbezogener Diskriminierungswahrnehmung und Änderungen in Einstellungen und Verhalten bei Muslim:innen belegen. Besonders fehlt bisher der Nachweis eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zwischen Diskriminierungswahrnehmung und Einstellungsänderungen.

In einem randomisierten kontrollierten Experiment wird daher in diesem Teilprojekt der Effekt untersucht, den die Wahrnehmung systemischer Diskriminierung auf Radikalisierungstendenzen und weiteren möglichen Einstellungsänderungen von Muslim:innen hat. Neu ist daran, dass dies erstmalig für Deutschland in einem experimentellen Setting überprüft wird.

In der öffentlichen Wahrnehmung werden islamische Internetforen v.a. mit dem radikalen Islam assoziiert oder als potenzielle Orte der Radikalisierung und der Verbreitung von Propaganda verstanden. Insofern stellt die öffentliche Wahrnehmung islamischer Onlineforen für die mehrheitlich szenefernen Muslim:innen insofern ein Problem dar, als dass auch ihre digitale Kommunikation als Ort möglicher Radikalisierung verstanden und ihnen mit Misstrauen begegnet wird.

Dieses Projekt nimmt verschiedene szeneferne, deutschsprachige Facebookgruppen für muslimische Frauen in den Blick, welche nicht für den Austausch über den Islam, sondern für den Austausch über Alltagsthemen angeboten werden, darunter u.a. Haushalts- und Dekorationsgruppen, Kochgruppen oder auch Abnehmgruppen. Es wird untersucht, zu welchen Themenbereichen – wie z.B. Ehe, Kindererziehung oder Bildung – und in welcher Form dort islamische Normsetzung stattfindet. Im Zentrum steht die Frage danach, wie die muslimische Frauencommunity auf islamische Normsetzungen reagiert und welche Argumente und Quellen in der Diskussion zur Anwendung kommen. Dabei werden die muslimischen Frauen nicht mit gängigen Stereotypen als potenzielle Opfer oder Täterinnen stigmatisiert, sondern in ihrem Potenzial als Mitglieder der Mitte der Gesellschaft wertgeschätzt. Für die Auswertung treten die Sprecherinnen in ihrer Individualität in den Hintergrund. Ausgewertet werden allein die Chatverläufe der Frauen mit dem Ziel, neue Möglichkeiten der Online-Präventionsarbeit auszumachen, welche auf dem Umgang der deutschsprachigen muslimischen Community mit islamischer Normsetzung selbst beruhen.

Ziel der Studie ist es, innerislamische Kommunikationsmuster aufzugreifen und über sie praxisrelevante Erkenntnisse über die geschlechter- und religionssensible Präventionsarbeit zu gewinnen. Für das Projekt wird erneuerbares online Datenmaterial aus verschiedenen Facebookgruppen muslimischer Frauen gewonnen. Die Datensätze werden im Anschluss daran über qualitative Inhaltsanalyse ausgewertet. Parallel hierzu erfolgt über eine online-ethnografische Herangehensweise eine Analyse der ausgewählten Facebookgruppen. Expert:inneninterviews liefern zusätzliche praxisrelevante Informationen zur Erarbeitung von Handlungsempfehlungen.

Islamische Predigten in Deutschland gelten in der Öffentlichkeit oft als Quelle von Radikalisierung. Muslimische Verbände hingegen verstehen sie als ihr Gegenmittel. Trotz ihrer Bedeutung für das islamische Glaubensleben sind bislang islamische Predigten auch im globalen Kontext wissenschaftlich kaum erforscht worden, sondern eher Gegenstand journalistischer Darstellung. Dieses Teilprojekt zielt darauf ab, der notwendigen gesellschaftspolitischen Debatte und der Komplexität des Themas mit einer systematischen, methodischen und interdisziplinären wissenschaftlichen Analyse der Freitagspredigten gerecht zu werden. So können damit verbundene Probleme besser verstanden werden und (mit islamischen Theolog:innen, Imam:innen und muslimischen Verbänden) an Reformen bezüglich ihrer Inhalte gearbeitet werden.

Der Zugang zu regelmäßigen Aufzeichnungen von Predigten in Moscheen soll den Vergleich mit den schriftlich veröffentlichten Predigten derselben Verbände ermöglichen und untersuchen, ob die von den Verbänden bundesweit vorgegebenen Predigten auch tatsächlich gehalten werden (oder ob z.B. auf die vorgegebenen Predigten der türkischen Diyanet zurückgegriffen wird). Zudem wird systematisch untersucht, ob sich die türkische und die deutsche Fassung der jeweiligen Freitagspredigt unterscheiden. In Fokusgruppeninterviews mit Muslim:innen und islamischen Theolog:innen sollen ferner Predigtauszüge zur Diskussion gestellt werden, um am Projektende zielführende Handlungsempfehlungen für muslimische Verbände und die Politik erarbeiten zu können.

Die für die Auswertung gesammelten Predigten sollen in einem systematisch erschlossenen Predigtarchiv zusammengeführt werden, welches am Projektende öffentlich zugänglich gemacht wird.