Fachtagung in Hamburg am 13.2.26

"Intervention und Sekundärprävention gegen islamistische Radikalisierung in Schule und Jugendhilfe"

Eingeladen hat in Kooperation mit RADIS: Gewaltprävention Hamburg

Die Veranstaltung brachte rund 100 Fachkräfte aus Schulen, Sozialämtern und dem Verfassungsschutz mit Forschenden aus dem RADIS-Netzwerk zusammen. Dabei trafen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse direkt auf die vielfältigen praktischen Erfahrungen der Teilnehmenden. Gemeinsam diskutierten sie, wie sich Radikalisierungsprozesse frühzeitig erkennen lassen und welche Strategien im Umgang damit wirklich greifen.

Prävention ohne Vorverurteilung

Ein zentrales Thema der Tagung war die Frage, wie sich Prävention gestalten lässt, ohne Jugendliche vorschnell als extremistisch abzustempeln. Alle Referent*innen waren sich einig: Der Blick in Schulen darf sich nicht auf einen einzigen Phänomenbereich verengen, sonst entstehen blinde Flecken. Manche Gruppen geraten schnell in Generalverdacht, während andere kaum auffallen. Gert Pickel (Projekt RIRA) brachte dazu einen wichtigen Punkt ein: Fachkräfte bewerten Aussagen von Schüler*innen oft unbewusst danach, was sie aus ihrem eigenen Umfeld kennen. Was vertraut wirkt, erscheint weniger bedrohlich. Was fremd ist, fällt schneller als problematisch auf. Das führt dazu, dass bestimmte Formen von Extremismus je nach Schule und Region ganz unterschiedlich wahrgenommen werden.

Fachkräfte stehen dabei immer wieder vor derselben Frage: Was ist noch normal – und was bereits ein Warnsignal? Susanne Pickel (Projekt RIRA) problematisierte in diesem Kontext, dass Jugendliche sich das Weltgeschehen online unbegleitet erschließen, was Risiken birgt und Co-Radikalisierung begünstigen kann. 

Der Umgang mit Verdachtsfällen

Beobachten Fachkräfte ein Verhalten, das sie an Radikalisierung denken lässt, sollte die erste Frage nicht lauten „Wie interveniere ich?" – sondern: „Was steckt wirklich dahinter?" Auf der Tagung stellte Michael Kiefer (Projekt RIRA) das Clearingverfahren „Clear Vision" als Antwort auf genau diese Situation vor. Es unterstützt Fachkräfte dabei, Verdachtsfälle strukturiert, sorgfältig und ohne Voreiligkeit zu klären. Manchmal braucht es dabei auch externe Expertise. Statt sofort zu reagieren, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und sich mit Kolleg*innen auszutauschen, etwa in der kollegialen Fallberatung oder Supervision. Klare Strukturen in der Kommunikation, etwa festgelegte Melde- und Abspracheroutinen, sehen die Referent*innen als unverzichtbar an. 

Michael Kiefer stellte das Konzept der „Neuen Autorität“ (Haim/von Schlippe) vor, das wertvolle Orientierung im Umgang mit herausforderndem Verhalten bietet. Statt auf Machtausübung und Strafe, setzt es auf eine tragfähige Beziehung zu den Schüler*innen.

Auch Özkan Ezli (Projekt Ressentiment) betonte den Wert einer guten Beziehung für die Prävention. Denn wer als Vertrauensperson gilt, kann viel leichter andere Perspektiven auf problematische und verallgemeinerte Aussagen einbringen und damit möglichen Radikalisierungsspiralen entgegenwirken. Hier ergänzte Michael Kiefer das hilfreiche Werkzeug der „methodischen Befremdung“ (Köttig), das es ermöglicht, die Haltung des Jugendlichen in einem konstruktiven Gespräch zu hinterfragen.

Abschluss der Tagung

Neben dem klaren Appell, Fachkräfte durch tragfähige Netzwerke und klare Anlaufstellen zu unterstützen, lieferte die Podiumsdiskussion eine wichtige Erkenntnis für die Praxis: Oft beziehen sich provokante Aussagen von Jugendlichen gar nicht auf eigene Erlebnisse, sondern auf Ideologien oder Gruppen, mit denen sie sich identifizieren. Wer das erkennt, kommt den eigentlichen Ursachen des Verhaltens viel näher. 

Die Referent*innen betonten, dass nicht alle Lehrkräfte Expert*innen für Radikalisierung sein können und das auch nicht müssen. Vielmehr braucht es Methoden und Routinen, die Lehrkräfte entlasten und sie sicherer im Handeln machen.

Impressionen

Impulsvorträge

Moderation