Woran arbeitet eigentlich... ArenDt?

Januar 2023

Film "Das Projekt ArenDt" | Länge 2"14' | Realisation Ute Seitz // Philipp Offermann | HSFK 2023

Welche Erfahrungen machen Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus in Deutschland, besonders in Bezug auf islamistische Akteure? Mit dieser Frage befasst sich das Forschungsprojekt „Auswirkungen des radikalen Islam auf jüdisches Leben in Deutschland“ (ArenDt). Im Interview mit RADIS beschreiben Prof. Dr. Heiko Beyer und Dr. Melanie Reddig, wie die Befragten Antisemitismus in Deutschland und die Diskurse darüber wahrnehmen und welche Strategien sie im Umgang damit gefunden haben.

Worum geht es beim Projekt ArenDt? Was ist der Kern Ihrer Forschung?

Heiko Beyer: Das Ziel des Projektes ist es, Erfahrungen mit Antisemitismus, damit zusammenhängende Bedrohungswahrnehmungen und eventuelle Handlungskonsequenzen von in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden zu erfassen. Es geht es darum, welche unterschiedlichen Positionen es in Bezug auf Antisemitismus in der jüdischen Gemeinschaft gibt und welche unterschiedlichen Täter:innen-Gruppen wahrgenommen werden. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf dem politischen Islamismus, wir beschäftigen uns jedoch auch mit anderen Täter:innen-Gruppen, da das Phänomen des Antisemitismus nur im Ganzen wirklich abzubilden ist.

Wie gehen Sie in Ihrem Projekt vor?

Melanie Reddig: Wir erheben sowohl quantitativ als auch qualitativ, wie Jüdinnen und Juden Antisemitismus im Alltag erleben, wie sie diesen verarbeiten und wo sie besondere gesellschaftliche Problembereiche sehen. Dazu führen wir sowohl Online-Befragungen als auch problemzentrierte Interviews durch.

Heiko Beyer: Die quantitative Teilstudie beschäftigt sich zunächst mit der Verbreitung des Phänomens des Antisemitismus. Das heißt, wie viele und welche Formen von Übergriffen gibt es, sind das verbale Attacken, physische Attacken, Vandalismus oder Ähnliches. Dann erheben wir, welche Täter:innen-Gruppen es gibt und was die entsprechenden Mechanismen dahinter sind. Das zweite Teilprojekt ist qualitativer Natur und beschäftigt sich insbesondere mit den Deutungsmustern von Jüdinnen und Juden in Deutschland. Also wie die deutsche Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Rolle in dieser Situation der Antisemitismus spielt und wie sich Jüdinnen und Juden im Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft und zu anderen religiösen Minderheiten verorten.

Wie kommt es zu dem Fokus auf die jüdischen Perspektiven?

Heiko Beyer: In der bisherigen Antisemitismusforschung lag der Fokus vor allem auf den Täter:innen. Es ging also darum, welche Faktoren für antisemitische Einstellungen und antisemitisches Handeln verantwortlich sind. Erst in der jüngeren Zeit wurde stärker danach gefragt, wie Betroffene dieses Thema eigentlich wahrnehmen und welche Konsequenzen sie ziehen. Wir knüpfen da im Prinzip an erste Pionierstudien an und versuchen, das Feld noch etwas zu erhellen. Wir wollen valide Zahlen bekommen, Ursachen und Zuschreibungsmechanismen weiter untersuchen und herausfinden, warum bestimmte Täter:innen-Gruppen erkannt werden, woran das festgemacht wird und generell wie die Deutungsmuster von Betroffenen aussehen. 

Gibt es schon erste Ergebnisse? 

Melanie Reddig: Eine Haupterkenntnis aus dem Projekt ist, dass es nicht eine spezielle Bevölkerungsgruppe gibt, bei denen die Jüdinnen und Juden das Problem sehen. Für sie ist es ein Antisemitismus von allen Seiten – ein gesellschaftliches Klima, in dem sie leben müssen und wo ganz unterschiedliche Gruppen zu beitragen. Das ist der Antisemitismus von rechts, von links, von Muslimen, aber vor allem auch der mehr oder weniger subtile Antisemitismus der Mitte, der dieses gesellschaftliche Klima für sie erschafft.

Welche Beispiele haben Sie für antisemitische Vorfälle?

Heiko Beyer: Die häufigste Deliktart, die wir beobachtet haben, sind antisemitische Witze, die insbesondere im schulischen Kontext gehört und erfahren werden. Viele Befragte berichten zudem, dass sie verbale und teilweise auch physische Übergriffe erlebt haben, wenn es um das Thema 'Nahostkonflikt' ging.

Melanie Reddig: Für Jüdinnen und Juden ist ständig präsent, dass der Antisemitismus ohne Vorbereitung in ihren Alltag kommen kann und, dass sie mit antisemitischen Witzen oder mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert werden. Das kann im Arbeitsumfeld, im universitären Umfeld oder in Schulen passieren. Das ist etwas, was Jüdinnen und Juden sehr klar ist und auch dazu führt, dass sie sich fragen, ob sie sich trauen können, in Deutschland offen als Jüdinnen und Juden zu leben.

Wie gehen Jüdinnen und Juden damit um?

Melanie Reddig: Der Umgang ist sehr unterschiedlich. Einige sind aktiv, engagieren sich in Organisationen, gehen an Schulen und begeben sich in den Dialog mit Schüler:innen und Lehrer:innen. Andere verdrängen die Problematik in ihrem Alltag, weil es für sie eine zu große Belastung ist. Und wieder andere sind hin und her gerissen. 

Wie äußern sich die Befragten zu Antisemitismus von islamistischer Seite?

Heiko Beyer: Ein prägnanter Befund ist, dass unsere Befragten sehr genau zwischen dem radikalen Islamismus und der breiten muslimischen Gemeinschaft unterscheiden. Das bedeutet, dass auf der einen Seite der politisch islamistische Antisemitismus als großes Problem wahrgenommen wird und wesentlich weniger ein vorgeblicher Antisemitismus unter Muslim:innen im Allgemeinen.

Melanie Reddig: Obwohl die Befragten Antisemitismus als gesellschaftliches Klima wahrnehmen, sagen einige, dass sich dieses Problem durch Menschen verschärfen könnte, die nach Deutschland kommen und in einem antisemitischen Umfeld sozialisiert wurden und antisemitisches Gedankengut haben. Das Problem würde sich vor allem in antiisraelischen Demonstrationen oder Gewaltakten im öffentlichen Raum zeigen. Hier wird mit Sorge in die Zukunft geschaut.

Wie fühlen sich Jüdinnen und Juden wahrgenommen? Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Melanie Reddig: Jüdinnen und Juden fühlen sich als Gesprächsteilnehmer in der Debatte um Antisemitismus nicht wahrgenommen. Sie haben das Gefühl, dass viel mehr über sie gesprochen wird als mit ihnen, dass sie in der Diskussion um Antisemitismus als Opfer adressiert werden und nicht als gleichberechtigte Partner:innen. Ein Anliegen der Befragten ist, auf Augenhöhe mitreden zu können, ohne dass ihnen die Verantwortung zugeschrieben wird, das Problem zu benennen und zu bekämpfen. Außerdem würden sie sich wünschen, dass die politische Rechte das Thema nicht zur eigenen Schuldabwehr nutzt. Die Befragten sehen zudem eine Notwendigkeit für einen selbstreflexiven Austausch der deutschen Gesellschaft über den Antisemitismus der Mitte. Und auch Linke sollen den Antisemitismus in den eigenen Reihen und unter Muslimen nicht relativieren. 

Für alle Befragten ist Dialog zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen besonders wichtig. Zu Muslim:innen sei der Kontakt und das Verhältnis gut. Die Befragten hoffen, dass radikale Muslim:innen durch Bildungsarbeit und durch politische Öffentlichkeitsarbeit in Zukunft besser erreicht werden können. Sie wünschen sich einen Raum des Dialoges, wo Angehörige verschiedener Religionen sich als Menschen begegnen und gemeinsam auch unterschiedliche Perspektiven austauschen können. Aus Sicht der Befragten ist Antisemitismus nur durch Begegnung zu bewältigen, auf der anderen Seite halten sie aber auch hartes Durchgreifen bei Gewalttaten oder Demonstrationen mit antisemitischen Äußerungen für nötig. 

Wie können die Ergebnisse in die Praxis gebracht werden? 

Heiko Beyer: Für die praktische Umsetzung der Ergebnisse im Bereich politischer Bildung arbeiten wir mit dem Netzwerk für Demokratie und Courage zusammen. Dort laufen bereits Bildungsprogramme an Schulen und für die Erwachsenenbildung. Bestehende Programme werden auf Basis unserer Daten und Erkenntnisse überarbeitet und wo es nötig ist auch neue Programme entwickelt und eingesetzt.

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